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Schon wieder müssen wir von einem Tod sprechen

Am Mittwoch dem 17. März ist auf dem Gelände des Flughafen Kloten ein Ausschaffungshäftling gestorben, als er gewaltsam vom Transit-Gefängnis zusammen mit anderen hätte hätte in ein Flugzeug gezerrt werden sollen. Der 29-jährige Nigerianer wehrte sich schon Tage zuvor mittels Hungerstreik gegen seine Ausschaffung, und hat sich auch vor seinem Tod "massiv widersetzt".

 

Ein Flyer zum Thema:

 

Schon wieder müssen wir von einem Tod sprechen, von einem Menschen, der durch die Zwänge und Gesetze der Herrschenden zu Fall gebracht wurde, ermordet vom Staat und seinen Haftanstalten, in den Händen von Bullen, Gefängniswärtern und Ihren Handlangern. Am Mittwochabend ist auf dem Flughafen Kloten ein 29-jähriger Nigerianer bei einem gewaltsamen Ausschaffungsversuch gestorben. Gewiss nicht der erste und wohl kaum der letzte Tod, den die Ausschaffungsmaschinerie fordert. Doch morgen Überschwappt uns schon wieder die alltägliche Informationsflut, worin tausend Belanglosigkeiten gleichgültig jene Meldungen verjagen, die uns vielleicht noch hätten aufrütteln können. Damit wir gar nicht erst darüber nachdenken, was hier eigentlich passiert, was mit dieser erdrückenden Scheisswelt eigentlich passiert, die schon so viele Menschen unter ihrem Joch in den Tod trieb. Ganz zu schweigen von der Leblosigkeit, die den gesamten Alltag durchdringt.

Nein, wir vergessen diese durch den “normalen“ Verlauf des kapitalistischen Elends Zurückgelassenen nicht; auf dass sich die Wut in Revolte verwandelt; auf dass sie sich gegen alles wendet, was uns unterdrückt und einschliesst! Was die Medien sagen, interessiert uns einen Dreck. Es interessiert uns einen Dreck, ob dieser Mann kriminell war oder nicht, ob juristisch bewiesen werden kann, inwiefern zu seinem Tod aktiv beigetragen wurde (die Umstände sind ziemlich offensichtlich), oder ob es schlicht die Folgen einer auf wenige Quadratmeter reduzierten Existenz sind, die ihn letztendlich umgebracht haben. Es ist eine ganze Gesellschaftsordnung, die diesen Mann erstickt hat, es ist die akzeptierte Existenz von Ausschaffungen und Knästen, von Bullen und Funktionären, von Staaten und Grenzen. Nur zu gut sehen wir immer wieder, wie mit Leuten umgegangen wird, die nicht resignieren, die diesen bedrohlichen Drang nach Revolte verspühren, vor dem sich die Herrschenden so fürchten. Dieses ewige Potential mit ihrem Zugriff auf uns zu brechen, um die bestehenden Verhältnisse im Denken und im Handeln in Frage zu stellen.

Auch jener Ausschaffungshäftling gab sich seinem Schicksal nicht einfach hin, schon Tage zuvor trat er in Hungerstreik und noch während man ihn gefesselt ins Flugzeug zerren wollte, setzte er sich zur Wehr. Gesundheitlich geschwächt, in Fesseln liegend und umgeben von Bullen fand er den Tod. Die Vorstellung ist grausam und verächtlich...
Ja, in diesem klimatisierten Warenparadies der verallgemeinerten Belanglosigkeit:
Wir sind wütend!

Und gerade weil es hierzulande so fern scheint dies zu sagen, ist es umso notwendiger: Unter der heuchlerischen Oberfläche des sozialen Friedens schwelt ein Krieg. Jener seit jeher andauernde Krieg zwischen den Eignern dieser Welt und denjenigen, die sie zu ertragen haben; zwischen den Reichen und Mächtigen, die ihre Privilegien zu verlieren haben, und den Armen und Unterdrückten, die, in einem Aufstand voller Wut und Liebe, alles zu gewinnen haben.

MÖGEN DIE AUSSCHAFFUNGSKNÄSTE GEMEINSAM MIT DER ORDNUNG, DIE SIE BENÖTIGT, IN UNSEREM MEER AUS VERACHTUNG UNTERGEHEN! FREIHEIT FÜR ALLE!

 

ein weiterer Text:


Bis die Welt der Papiere in Flammen aufgeht!

Schon wieder Bullen, schon wieder Identitätskontrolle. Eine falsche Bewegung im falschen Moment, eine falsche Hautfarbe im falschen Land, ein falsches Verlangen in einer Welt, die uns am Liebsten alle resigniert sehen will; es braucht nicht viel, um „verdächtig“ zu erscheinen. Für viele endet die Begegnung mit den Wachhunden dieser erdrückenden Normalität in Knästen und Ausschaffungszentren. Auf wenigen Quadratmetern eingesperrt, kontrolliert, überwacht und erniedrigt, warten sie darauf, in das Elend zurückgestossen zu werden, vor dem sie flüchteten. Immer wieder laufen wir an Situationen heran, wo eben dieser Leidensweg beginnt: Bullen umstellen Leute auf der Strasse, um sie anschliessend abzuführen. Irgendwohin. Sei es in den Knast, in die Psychiatrie, in das nächste Charterflugzeug oder nur ein paar Stunden auf den Posten; niemandem soll dies wiederfahren! In einer solchen Situation auf der Strasse, bei den verantwortlichen Betrieben und Personen oder sonstwo in dieser untragbaren Ordnung:
Lasst uns die Kontroll- und Ausschaffungsmaschinerie sabotieren!

Zunächst sind wir Menschen, ein Wesen aus Fleisch und Blut. Das Leben erlaubt uns, aus diesem Wesen alles mögliche zu machen, in beständiger Suche nach individueller und sozialer Entfaltung. Doch die Welt, die wir bewohnen, zwingt unzählige Menschen, eingeschlossen in Zellen ihre Tage zu fristen, oft aus dem schlichten Grund, keine Papiere zu besitzen. Es reicht in diesen Zeiten also nicht aus, Mensch zu sein, um frei mit seinem Leben zu experimentieren. Wir benötigen zunächst Papiere, eine Identität, eine Zugriffsmöglichkeit, die uns verwaltbar macht. Erst dann haben wir die bescheidene Wahl, uns hier oder dort ausbeuten zu lassen, uns dieser oder jener Autorität zu unterstellen, diese oder jene Ware zu kaufen, diesen oder jenen Politiker über unser Leben walten zu lassen. Freiheit? Niemals...

Seit den Ausbeutungsfeldzügen der Kolonialmächte im Süden, dem Zusammenbruch der „kommunistischen“ Regime im Osten und im Allgemeinen aufgrund des Elends, das der globalisierte Kapitalismus produziert, ziehen Millionen von Migranten auf der Suche nach einem etwas erträglicheren Leben in der Welt umher. Während etliche dieser unerwünschten Kinder des Kapitals vom Schutzwall Europas aufgehalten werden oder beim Versuch, diesen zu überwinden sterben, wartet auf jene, denen es gelingt gewiss nicht das El Dorado, von dem sie träumten: Ausbeutungsumstände, die jenen gleichen, vor denen sie geflüchtet sind, ein latenter Rassismus, der die Unzufriedenheit anderer Unterdrückter zu kanalisieren versucht, und die permanente Angst eingesperrt und wieder ausgeschafft zu werden gestalten nun den Alltag. Stetig umherziehend und zusammengepfercht in Notunterkünften teilen sie mit den anderen Ausgebeuteten, auf deren Buckel diese Welt erbaut und erhalten wird, eine Prekarität, die sich als soziale Bedingung zu generalisieren scheint. Die Temporärarbeit als Werkzeug des modernen Kapitalismus lässt die Machtverhältnisse verschwimmen und die Arbeiter voneinander isolieren, während man sie dem ökonomischen Wandel ausliefert. Deren groteske Natur wird dann offensichtlich, wenn arme Leute als Stadtreiniger arme Leute verjagen, wenn Unterdrückte die Büros ihrer Unterdrücker reinigen, wenn Migranten die Mauern jener Knäste bauen, in denen sie schliesslich eingesperrt werden. In einer restlos ökonomisierten Welt ist auch das „Problem“ der Migration vor allem ein ökonomisches. Zur Verwaltung der Migrationsströme* dienen dem Staat Identitätskontrollen, Asylzentren und Ausschaffungsknäste ebenso, wie die Integrationshilfen (Anpassung an die kapitalistische Nationalökonomie) und humanitären Organisationen wie das Rote Kreuz (Mitverwalter von Gefängnissen [z.B. im Transit, Kloten] und stets die ersten, die zur Beschwichtigung von Revolten herbeieilen). Trotzdem hat der industrialisierte Staat keineswegs Interesse daran, alle Sans-Papiers auszuschaffen, ihre Lage macht sie zu billigen und flexiblen Arbeitskräften (das weiss selbst die SVP). Ausserdem dienen sie als bequemer Sündenbock, um soziale Spannungen zu entladen, bevor sich die Ausgebeuteten noch selbst als solche erkennen, und sich gemeinsam gegen die Herrschenden wenden; bevor sie noch die Unsinnigkeit religiöser und ethnischer Konflikte verstehen, und den Klassenkonflikt entfachen. In dem Umherziehen der Migranten verdeutlicht sich schliesslich dasselbe Fremdwerden, das uns allen widerfährt: Der Imperialismus der Ware, der uns alle dazu zwingt, denselben leblosen Traum zu träumen, hat uns der Welt und uns selbst gegenüber völlig fremd gemacht.
Wir wollen weder Diskurse über die rechtswidrige Unterdrückung von „Sans-Papiers“ lancieren und „bessere“ Haftbedingungen oder Rechte einfordern, noch eine per se gutmütige Gattung Mensch aus ihnen machen, wie es schon genug humanitäre Samariter, heuchlerische Demokraten und legalistische Anti-Rassisten tun. Die autoritären, religiösen, nationalistischen und patriarchalen Strukturen sind unter ihnen gewiss gleichermassen präsent, wie in dieser Gesellschaft im Allgemeinen. In den vergangenen Jahren haben wir jedoch weltweit vermehrt Ausschaffungsknäste in Flammen aufgehen und Gefangene ausbrechen sehen, wir haben gesehen, wie die Sans-Papiers bei Ceuta und Melilla (Spanische Enklaven in Marokko) den Ansturm auf die stacheldrahtbespickten Zäune Europas autonom organisierten und wie sie (wie küzlich in Rosarno, Italien) auf den Strassen gegen ihre Versklavung revoltierten. All dies sind Gesten, in denen wir uns wiedererkennen. Handlungen, die zumindest in einer Situation und für einen Moment mit dem Zugriff der Herrschenden auf unsere Leben brechen; mit jener erdrückenden Normalität, die uns so alltäglich umgibt. Der Kampf gegen die Ausschaffungsmaschinerie ist nicht vom Kampf gegen jegliche Form von Herrschaft und Einschliessung zu trennen, denn das „Problem“ der Papiere wird sich erst mit dem Ende aller Staaten und Grenzen auflösen. Solange noch irgendein Ausschaffungsknast aufrecht steht, wird dieser stets mit Migranten gefüllt sein – ob nun einige regularisiert wurden oder nicht. Und solange noch irgendeine Autorität die Freiheit der Menschen knechtet, wollen wir für das Ende all dessen kämpfen, was das freie Umherziehen und Entfalten der Individuen unterdrückt.

Was uns mit der Situation der Migranten verbinden mag, ist nicht das allgemeine Elend, sondern der Wille, es zu bekämpfen. Wir stehen den Unerwünschten nicht beiseite, wir sind sie.

Es ist noch immer Zeit, die Ketten der Angst und Resignation
zu durchbrechen...



*In verschiedenen Ländern existieren nationale Quoten, welche die Anzahl von Aufenthaltsbewilligungen genau regeln und Migration und Arbeit eng miteinander verbinden. Für das Jahr 2007 wurden in Italien z.B. 252‘000 ausländischen Arbeitskräfte (Je nach Land und Immigrationsabkommen) per Dekret festgelegt.

Chronik:

Trotz polizeilicher und medialer  Bemühungen gelangten einige Nachrichten über die schweigsamen Mauern der Knäste und Zentren für Migranten.

Wir erinnern an den Aufstand im Flughafengefängnis Kloten im März 08 und an jenen vom Sept. 07 im Bässlergut bei Basel, wobei zeitgleich mehrere Zellen in Brand gesteckt und ein beträchtlicher Teil des Knastes unbenutzbar gemacht wurde.

Leider halten weniger erfreuliche Nachrichten die Oberhand.

Immer wieder finden Ausschaffungsversuche mittels Prügel und Narkose statt (wie bei A. Konneth im März 09).

In der Polizeistation Kaserne (Zürich) versuchten sich zwischen März und Mai 09 drei abgewiesene Asylbewerber umzubringen, wobei sich einer von ihnen selbst anzündete.

Nachdem 2008 schon 2 Ausschaffungshäftlinge an Nichtbehandlung schwerer Tuberkulose starben, konnte im Feb. 09 der Tod eines 17 Jährigen Afrikaners durch tagelanges ignorieren einer Hirninfektion im Flughafengefängnis Kloten nur durch die Rebellion seiner Mitgefangenen  verhindert werden.

Am 03. Okt. 09 wird in Bern ein 19 jähriger Gambianer von Polizisten unter rassistischen Beleidigungen verhaftet, blutiggeprügelt und nach 3 Tagen Notfallstation wieder freigelassen. Nur wenige solcher
Geschichten gelangen ans Licht.

Ein Asylsuchender ertrinkt im Basler Rhein, genau ein Jahr darauf (30.05.09) kommt ein Jugendlicher in Biel unter einen Zug, etwas später springt ein abgewiesener Ausländer im Tessin mehrere Stockwerke tief aus einem Parkhaus,  in Winterthur wird jemand angeschossen, in Zürich ertrinkt ein Mann, sie alle flüchteten vor einer Polizeikontrolle.


Einige scheinen sich jedoch den Drang zu verspühren, sich gegen die Zustände zu wehren. Eine Liste von Ereignissen in diesem Zusammenhang:

01. April 2009 -  Zürich
Die Scheiben einer Manpowerfiliale werden eingeschlagen. „Revolte!“ steht an der Wand.

13. April 2009 - Zürich
Der Hauptsitz von Randstad (ebenfals eine Temporärarbeitsagentur) wird entglast.

1. Mai 2009 - Zürich
Die Scheiben der Manpowerfiliale gehen erneut zu Bruch.

03. Mai 2009 - Luzern
Securitas-Autos werden eingefärbt und ihre Pneus zerstochen .

Mai/Juni 2009 -  Biel
Als Reaktion auf den auf der Flucht vor der Polizei verstorbenen Jugendlichen finden in Zürich und Biel drei spontane Demonstrationen statt. Polizeiposten werden mit Farbe beschädigt.

04. Juni 2009, Zürich
Die Scheiben eines Securiton-Autos [Kontroll- und Überwachungsfirma] werden eingeschlagen.

04. Juli 2009, Zürich
Ca. 100 Personen ziehen aus Reaktion über den in Biel verstorbenen durch den Kreis 4. Mit Farbe, Hämmern, Steinen und Feuer wird das Amt für Justizvollzug, ein Polizeiposten, Zivilbullen- und Luxusautos, eine ZKB und eine UBS Bank sowie der Securitas Hauptsitz angegriffen. Diese letzteren beteiligen sich umfänglich in Gefängnissen und Zentren für Migranten und an deren Ausschaffungen. „Wir haben uns diesen Tag genommen um einiges zurückzuzahlen [...]. Für all die Betroffenen der Polizeigewalt. Für all die Unterdrückten dieser sozialen Ordnung. Für die Kämpfenden und Gefangenen des sozialen Krieges.“

08.Juli 2009 - Zürich
Das ORS-Büro wird mit Farbe beworfen. Ein Privatunternehmen das Zentren und Knäste für Migranten verwaltet.

16. Juli 2009
Das Migrationsamt von Luzern wird eingefärbt. und bei jenem in Zürich werden die Scheiben eingeschlagen. „Pour un monde sans papiers!“ steht gross auf der Wand.

09.Sept. 2009 - Zürich
Die Scheiben des Büros vom Roten Kreuz werden eingeschlagen: „Gegen die Ausschaffungsmaschinerie und ihre Handlanger“ steht am Boden.

29. Sept. 2009 - Zürich
Ein Protectas-Auto [Überwachungsfirma] wird in Brand gesteckt

20. Okt. 2009- Zürich
Ein Brandsatz entfacht beim ORS-Gebäude und beschädigt den Eingangsbereich.

20. Okt. 2009 - Zürich
Erneut gehen mehrere Scheiben des Migrationsamtes zu Bruch. „Das Illegalisieren von Menschen kommt euch teuer zu stehen“, ist zu lesen.

07. Dez. 2009 - Winterthur
Unter 2 SBB-Autos wird Feuer gelegt und „No JailTrain! no Jails!“ hinterlassen. JailTrain ist ein von SBB und Securitas verwalteter Spezialzug für den Transport von Flüchtlingen und anderen Gefangenen.

 

gefunden auf die Waisen des Existierenden